Manfred Motte - 2019

Veröffentlicht in Kolumnen

Manfred Motte als Verhaltensforscher

Letzthin hatte mein Tschopenträger endlich wieder Zeit, die Zeitung zu lesen. Ich kletterte aus der Tasche hinaus auf seine Schultern, um ebenfalls einen Blick in einen wissenschaftlichen Artikel zu riskieren. Ich staunte, und war einmal mehr fasziniert, wie die Menschen sich selbst über-, und die Fähigkeiten von Tieren unterschätzen. Vor kurzem wurden Versuche mit Graupapageien angestellt. Es stellte sich heraus, dass diese Art ein weitaus umfassenderes Sozialverhalten zeigen als alle anderen Vogelarten, selbst die als besonders intelligent bekannten Raben werden übertroffen. Wie?

Die Graupapageien hatten gelernt, dass sie über eine besondere Vorrichtung einen Chip gegen Futter eintauschen können. In einer Versuchsanordnung standen zwei Käfige mit je einem Graupapagei nebeneinander. Der eine hatte die Möglichkeit, Chips zu sammeln. Der andere hatte keine Chips, aber einen Futterautomaten. Die Vögel konnten untereinander Chips, aber kein Futter austauschen. Es zeigte sich, dass der eine Graupapagei dem anderen Chips zuschob, damit dieser nur für sich selbst Futter ergattern konnte. Der eine hilft also dem anderen, ohne selbst dafür direkt belohnt zu werden. Dahinter steckt ein «wir» Konzept: es geht auch mir besser, wenn es dem anderen gut geht. Ein Verhalten, dass man sonst bisher nur bei speziellen Menschenaffen wie Orang-Utans und Bonobos beobachtet hatte. Gorillas und andere als besonders intelligent geltende Menschenaffen schaffen das nicht.

Ich bin als Motte seit 15 Jahren Menschenbeobachter, und frage mich jetzt, was ich wohl sehen würde, wenn wir Motten diese Versuche heute mit Menschen durchführen könnten?