Manfred Motte - 2018

Veröffentlicht in Kolumnen

Mein Tschoopen-Träger war mal jung - kaum zu glauben. Als er vor etwa 40 Jahren einen neuen Kollegen kennenlernte, hatte dieser seinen Fuss eingegipst. Anno dazumal die normale Methode, Gebrochenes zur Selbstheilung zu fixieren. Dazu benötigte man einen handwerklich halbwegs begabten Hausarzt, ein Paket Gipsbinden und Wasser. Vielleicht einige Aspirin, um allfällige Schmerzen zu lindern.

Heute fällt man beim Sport auf die Schnauze und spürt ein Knacken. Der nächste Griff geht nicht zum schmerzenden Arm oder Bein, sondern zum Smartphone. Denn mehrere sensationslustige Apps warten darauf, endlich einmal ernsthaft verwendet zu werden. Minuten später lärmt bereits die blaulichtbestückte Sirene mit dem kastenförmigen Fahrzeug darunter. Mit Signalfarben bekleidete Sanitäter kümmern sich, stellen einen komplizierten Bruch fest, und alarmieren die Rega; denn niemand will heutzutage einen Haftpflichtfall an den Hals kriegen wegen unzulänglich asphaltierten Strassen, die einen ruckelfreien Verletztentransport verunmöglichen, und dadurch eine einwandfreie Therapie in Frage stellen. Heli kommt, Flug zum Spital, Bruch wird operiert. Titan statt Gips. Auch Chirurgen wollen einen sinnvollen Job tun. Welcher Arzt will sich denn heute noch eine Staublunge einhandeln wegen zuviel Gips in der Praxis? Die Versicherung zahlt.

Übrigens: dem Kollegen damals war ein Grabstein auf den Fuss gefallen. Ohne Witz! Er war Bildhauer-Lehrling.