Manfred Motte - 2014

Veröffentlicht in Kolumnen

Letzthin war ich in der Kälte unterwegs. Sie erinnern sich, ich heisse Manfred Motte, und bin Bewohner des Kittels eines Zünfters, ich nenne ihn einfach gutschweizerisch meinen Tschopenträger. Er nahm mich mit zu einem Anlass, bei dem der Apéro draussen in der Kälte dargereicht wurde. Naja, als Motte kann man sich in gutem, teuerem Stoff kuscheln, aber heute war meine Neugierde grösser als das Bedürfnis, an der Wärme zu bleiben. Welch eine Menge fremder, bewohnter Tschopen! Ich machte viele neue Bekanntschaften, und hörte einige spannende und erschütternde Geschichten, von denen ich Euch eine unbedingt erzählen muss.

Man erzählte sich die Geschichte von Motte X. Sie bekam den Auftrag, sich um einen fast unbezahlbaren Pelzmantel zu kümmern. X nahm den Auftrag wie gewohnt ausserordentlich ernst, und begann, sich am Pelzmantels derart raffiniert zu verköstigen, dass es über längere Zeit niemand bemerkte. X knabberte und frass, was das Zeug hielt, ohne äusserliche Anzeichen zu hinterlassen. Eine ausserordentlich seltene Gabe, meisterlich umgesetzt. Die bereits seit längerem im Pelzmantel wohnenden Motten hatten sichtlich Mühe, den neuen Qualitätsanforderungen des Mottenfrasses zu genügen; einige versuchten zu rebellieren, andere resignierten, aber die beinahe perfekte Frassarbeit ging unbemerkt weiter. Erst als dem Pelzmantel der Kragen platzte, und er, obwohl gegen aussen noch immer perfekt aussehend, mangels inneren (weil gefressenen) Werten in sich zusammenfiel und lediglich ein Häufchen Staub übrigblieb, wurde die für Mottenbegriffe wahrhaft meisterliche Leistung von X entdeckt. Die rebellierenden Motten packten ihre Chance, X wurde im Mottenrat blossgestellt und aus dem Schrank verbannt.

«Warum?» fragte ich. «Er hat die ungeschriebenen Gesetze des Mottelmasses verletzt». Mir wurde wieder kalt.